
Gegen Schweigen und Parolen: Kritische Theorie(n) des Antisemitismus in der Hochschullehre
Obwohl es zum Selbstverständnis Kritischer Theorie gehört, drängende soziale Problemeihrer jeweiligen Gegenwart zu artikulieren und dabei strukturell bedingte Widersprüche sowie Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse aufzudecken und zu kritisieren, haben ihre selbsterklärten Vertreter:innen angesichts der Tatsache des fortwährenden Antisemitismus jahrzehntelang geschwiegen. Nach dem 7. Oktober 2023 änderte sich dies schlagartig: Nahezu alle Generationen und Richtungen der Kritischen Theorie bezogen entschieden Stellung im akademischen Kampf der offenen Briefe und Petitionen, in denen um „richtige“ Solidaritätsbekundungen und immer auch um Verantwortlichkeiten sowie Deutungshoheit gestritten wurde. Diese, noch immer fortdauernden Kämpfe konnten freilich nicht zur Deeskalation beitragen, sondern scheinen vielmehr ihren Beitrag zu leisten, den Weg zu einer differenzierten, konstruktiven Auseinandersetzung zu verbauen. Zudem dürften sie die Unsicherheiten noch vergrößert haben, die vor allem seitens zahlreicher Studierender vorherrscht, die sich gerade durch die Auseinandersetzung mit Kritischen Theorien eine differenzierte Sicht auf die verschiedenen Erscheinungsweisen des gegenwärtigen Antisemitismus erarbeiten wollen. Nicht zuletzt angesichts des traditionellem Selbstverständnisses Kritischer Theorie, ihrem Anspruch, einen Beitrag zu leisten zur Beförderung der Emanzipation und Mündigkeit, ist diese Situation unerträglich. In diesem Vortrag soll daher ein Versuch vorgestellt und diskutiert werden, im Rahmen der Hochschullehre etwas gegen die lähmende Unsicherheit zu tun – und zwar in unmittelbarem Anschluss an die Auseinandersetzungen der Gründergeneration der Frankfurter Schule sowie weiterer, nicht nur philosophischer Theorietraditionen mit dem Antisemitismus. Im Zentrum steht dabei das Konzept zu einem zweisemestrigen Seminar, das im Rahmen des interdisziplinären Studiengangs Gesellschaftstheorie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena gemeinsam mit den beteiligten Studierenden entwickelt und realisiert wurde. Das erste Seminar bot Raum für eine grundlegende Auseinandersetzung mit Horkheimers und Adornos „Elementen des Antisemitismus“ sowie begleitenden empirischen Studien des emigrierten Instituts für Sozialforschung. Ein Schwerpunkt lag dabei nicht nur beim Verständnis der Einsichten oder Ergebnisse, sondern auch auf der Reflexion des besonderen interdisziplinären Zugriffs, der soziologische, psychologische, geschichts- und politikwissenschaftliche, diskurs-, mentalitäts- philosophiegeschichtliche etc. Perspektiven integriert. Das zweite Seminar nahm den interdisziplinären bzw. konstellativen Impuls auf, indem zusätzlich unterschiedliche methodische Ansätze und einander teilweise grundlegend widersprechende Positionen vorgestellt und in ein Gespräch gebracht wurden (darunter Sartre, Améry, Arendt, Postone, Volkov, Stögner, Quindeau). Das ermöglichte nicht nur die Erweiterung oder Vertiefung wichtiger Einsichten Horkheimers und Adornos, sondern davon ausgehend auch erste Schritte zu einem multiperspektivisch-integrativen Verständnis des komplexen und immer schon – auch unter Betroffenen – höchst kontroversen Problems des Antisemitismus. Auf diese Weise war bzw. ist es möglich, im Umgang mit den vielfältigen Erscheinungsweisen des aktuellen Antisemitismus einen erweitert-differenzierten Standpunkt zu entwickeln, der Spannungen oder Unsicherheiten ebenso zulässt, wie entschiedenes Engagement gegen Antisemitismus.